„Aktualisiert: 7. Oktober 2026“.
Die Schweiz gehört zu den teuersten Wirtschaftsstandorten der Welt. Löhne, Mieten und der starke Franken müssten ihre Unternehmen eigentlich unter enormen Wettbewerbsdruck setzen. Trotzdem behaupten sich Schweizer Pharmaunternehmen, Maschinenbauer und Technologiefirmen auf internationalen Märkten. Was macht die Schweiz anders – und warum funktioniert dieses Modell längst nicht überall gleich gut?
Wer in Deutschland über internationale Wettbewerbsfähigkeit diskutiert, landet früher oder später bei den Kosten: Löhne, Energie, Steuern, Bürokratie. Unternehmen müssen ihre Produktion wirtschaftlich betreiben können. Sind die Kosten zu hoch, so die verbreitete Argumentation, wandern Investitionen und Arbeitsplätze an günstigere Standorte ab.
Ein Blick auf die Schweiz stellt diese scheinbar einfache Logik infrage.
Hier lag der monatliche Bruttomedianlohn 2024 bei 7.024 Franken. Beschäftigte in der Pharmaindustrie verdienten im Median 10.159 Franken, im Bankensektor sogar 10.723 Franken. Selbst in der traditionellen Maschinenindustrie erreichte der Medianlohn 7.632 Franken. [1]
Und das sind nur die Löhne. Hinzu kommen hohe Immobilienpreise, teure Dienstleistungen, anspruchsvolle Infrastruktur und ein starker Franken, der Schweizer Produkte auf internationalen Märkten verteuert.
Wie kann sich eine solche Volkswirtschaft im internationalen Wettbewerb behaupten?
Die naheliegende Antwort lautet Produktivität. Doch damit ist die eigentliche Frage noch nicht beantwortet. Denn Produktivität entsteht nicht einfach dadurch, dass Menschen länger oder härter arbeiten. Sie hängt auch davon ab, welche Produkte sie herstellen, mit welcher Technologie sie arbeiten, wie Unternehmen organisiert sind und welchen Wert ihre Leistungen auf internationalen Märkten erzielen.
Vielleicht lässt sich am Beispiel der Schweiz deshalb eine grundlegendere Frage untersuchen:
Sind hohe Löhne wirklich ein Standortnachteil – oder unter bestimmten Bedingungen gerade ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke?
Was hohe Löhne mit Produktivität zu tun haben
Die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz lässt sich nicht allein aus ihrer heutigen Lohnstatistik verstehen. Ein aufschlussreicherer Blick führt zurück in die Nachkriegszeit.
Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) haben Lukas Mergele, Boris Kaiser, Damian Wehrli und Tino Schönleitner gemeinsam mit Michael Siegenthaler von der ETH Zürich und Reto Föllmi von der Universität St. Gallen untersucht, wie sich Arbeit, Freizeit, Produktivität und Löhne zwischen 1950 und 2022 entwickelt haben.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die reale Wertschöpfung je geleistete Arbeitsstunde nahm in diesem Zeitraum um rund 300 Prozent zu. Die reale Arbeitnehmerentschädigung pro Stunde stieg sogar um rund 400 Prozent. Gleichzeitig gingen die jährlich geleisteten Arbeitsstunden je erwerbstätige Person um 37 Prozent zurück. [2]
Der langfristige Zusammenhang ist allerdings keine automatische Verteilungsformel. Produktivitätsfortschritte schaffen zunächst den wirtschaftlichen Spielraum für steigende Löhne. Wie stark Beschäftigte tatsächlich daran partizipieren, hängt zusätzlich von ihrer Verhandlungsmacht, von Gesamtarbeitsverträgen und Gewerkschaften, von der Knappheit von Arbeitskräften und von beruflicher Mobilität ab.
„Die Produktivität bestimmt, wie viel es zu verteilen gibt. Ob die Arbeitnehmenden eins zu eins davon profitieren, hängt von weiteren Faktoren ab.“
Prof. Dr. Michael Siegenthaler — KOF ETH Zürich
Die Schweizer Volkswirtschaft konnte also mit derselben Arbeitszeit erheblich mehr erwirtschaften als zuvor. Langfristig profitierten davon auch die Beschäftigten – durch höhere Arbeitsentgelte und kürzere Erwerbsarbeitszeiten.
Die Forscher zeigen allerdings auch, dass weniger Erwerbsarbeit nicht automatisch mehr Freizeit bedeutet. Insbesondere in Familien haben sich Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit zwischen Männern und Frauen unterschiedlich entwickelt. [2]
Die Studie beschreibt damit einen langfristigen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und gesellschaftlichem Wohlstand. Sie erklärt allerdings nicht unmittelbar, warum ein einzelnes Schweizer Unternehmen heute mit höheren Lohnkosten wirtschaftlicher arbeiten kann als ein Konkurrent im Ausland.
Dafür müssen wir genauer betrachten, wodurch Produktivität entsteht.
Entscheidend ist nicht allein, was eine Arbeitsstunde kostet, sondern welchen Wert sie erzeugt.
Ein Unternehmen, das standardisierte Produkte mit relativ geringem Wertschöpfungsspielraum herstellt, steht unter anderen Bedingungen als ein spezialisierter Maschinenbauer oder ein Pharmaunternehmen.
Für Ersteres kann ein Unterschied von wenigen Franken bei den Arbeitskosten entscheidend sein. Bei einem Hersteller patentgeschützter Medikamente, komplexer Maschinen oder spezialisierter Medizintechnik spielen dagegen Forschung, Entwicklung, Produktqualität, geistiges Eigentum, Zuverlässigkeit und internationale Marktpositionen eine wesentlich grössere Rolle.
Hohe Arbeitskosten lassen sich wirtschaftlich tragen, wenn ihnen eine entsprechend hohe Wertschöpfung gegenübersteht.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie man trotz hoher Löhne möglichst billig produzieren kann. Sie lautet, wie Unternehmen Produkte und Dienstleistungen entwickeln, für die ihre Kunden bereit sind, entsprechend hohe Preise zu bezahlen.
Forschung ist teuer. Nicht zu forschen kann noch teurer werden.
Ein wesentlicher Bestandteil des Schweizer Wirtschaftsmodells ist die intensive Verbindung von Forschung, industrieller Entwicklung und internationaler Vermarktung.
Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik wurden 2023 in der Schweiz insgesamt 25,9 Milliarden Franken für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Das entsprach 3,22 Prozent des Bruttoinlandprodukts.
69 Prozent dieser Forschungsaktivitäten entfielen auf Unternehmen, weitere 28 Prozent auf Hochschulen. Allein die Privatwirtschaft investierte knapp 18 Milliarden Franken in eigene Forschung und Entwicklung. [3]
Besonders deutlich wird die Spezialisierung am Beispiel der Pharmaindustrie: Sie verantwortete 2023 mit knapp 5,5 Milliarden Franken nahezu ein Drittel der Forschungsaufwendungen der Schweizer Privatwirtschaft. [3]
Solche Investitionen sind keine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg. Forschung kann scheitern, Produktentwicklungen können sich verzögern und nicht jede Innovation setzt sich am Markt durch.
Aber sie verändern die Grundlagen des Wettbewerbs.
Ein Unternehmen, dessen Wettbewerbsfähigkeit hauptsächlich auf niedrigen Produktionskosten beruht, muss permanent gegen günstigere Konkurrenten bestehen. Wer dagegen über spezialisiertes Wissen, patentierte Technologien oder aussergewöhnliche Fertigungskompetenzen verfügt, kann sich zumindest teilweise dem reinen Preiswettbewerb entziehen.
Dazu kommen Hochschulen, Forschungsinstitutionen, spezialisierte Zulieferer und ein internationaler Arbeitsmarkt, auf dem Unternehmen hoch qualifizierte Beschäftigte gewinnen können.
Die Schweiz versucht damit nicht, den Kostenwettbewerb auf allen Ebenen zu gewinnen. In vielen Wirtschaftszweigen konzentriert sie sich vielmehr auf eine andere Form der Konkurrenz: Wer bietet die höchste spezialisierte Wertschöpfung?
Was Rankings verraten – und was nicht
Dass diese Strategie bestimmte Standortnachteile ausgleichen kann, zeigen auch internationale Wettbewerbsvergleiche.
Im World Competitiveness Ranking 2026 der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD liegt die Schweiz unter 70 untersuchten Volkswirtschaften auf Platz 3. Bei Regierungseffizienz und Infrastruktur erreicht sie jeweils den ersten Platz.
Bei der wirtschaftlichen Performance fällt sie dagegen auf Rang 37 zurück. Das IMD führt diese Entwicklung insbesondere auf eine Verschlechterung bei den ausländischen Direktinvestitionen zurück. [4]
Die unterschiedlichen Platzierungen zeigen, warum der Begriff Wettbewerbsfähigkeit mit Vorsicht verwendet werden muss.
Das IMD-Ranking kombiniert statistische Indikatoren mit Befragungen von Führungskräften. Es misst damit nicht einfach, wie produktiv eine einzelne Volkswirtschaft ist, sondern betrachtet verschiedene institutionelle, wirtschaftliche und infrastrukturelle Standortbedingungen.⁴
Die Schweiz weist im Ranking eine hohe institutionelle Wettbewerbsfähigkeit auf. Das schützt sie allerdings nicht vor konjunkturellen Problemen, internationalen Investitionsschwankungen oder den Auswirkungen geopolitischer Konflikte.
Ein attraktiver Standort ist nicht automatisch eine Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Probleme.
In seiner im September 2026 veröffentlichten Länderstudie kommt die OECD zu einer verwandten Einschätzung: Die Schweiz besitzt leistungsfähige Institutionen und eine innovative Wirtschaft. Gleichzeitig konzentriert sich ihr Produktivitätswachstum auf wenige exportorientierte Industrien und grosse Unternehmen.⁵
Damit ist der entscheidende Einwand gegen eine allzu einfache Erfolgsgeschichte formuliert.
Denn nicht jede Schweizer Branche kann ihre hohen Kosten mit patentgeschützten Produkten, internationaler Forschung oder aussergewöhnlich hoher industrieller Wertschöpfung ausgleichen.
Die andere Schweiz: Hohe Kosten, deutlich niedrigere Löhne
Die Schweizer Lohnstatistik zeigt, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen Realitäten innerhalb desselben Landes sein können.
Während der monatliche Bruttomedianlohn 2024 im Bankensektor 10.723 Franken und in der Pharmaindustrie 10.159 Franken betrug, lag er in der Gastronomie bei 4.744 Franken und im Detailhandel bei 5.214 Franken. [1]
Das sind keine kleinen Unterschiede.
Und sie betreffen Branchen, die für den Schweizer Alltag ebenso unverzichtbar sind wie die international erfolgreichen Exportindustrien.
Das Bundesamt für Statistik weist für 2024 einen Anteil von 10,8 Prozent Tieflohnstellen in der Gesamtwirtschaft aus. In der Gastronomie waren es 47,8 Prozent, in der Beherbergung sogar 48,7 Prozent. [1]
Auch innerhalb der Schweiz entscheidet der Arbeitsort erheblich darüber, wie viel jemand verdient. Die BFS-Erhebung weist für die Grossregion Zürich einen monatlichen Medianlohn von 7.502 Franken aus, für das Tessin dagegen 5.708 Franken. [1]
Diese Unterschiede lassen sich nicht einfach mit einem nationalen Durchschnittswert erklären.
Ein international tätiges Pharmaunternehmen konkurriert um hoch spezialisierte Fachkräfte und Kunden auf globalen Märkten. Ein Restaurant, ein lokaler Dienstleister oder ein Detailhandelsunternehmen ist wesentlich stärker an die Kaufkraft und die Kosten seines unmittelbaren Umfelds gebunden.
Gerade dort wird deutlich, dass hohe Lebenshaltungskosten nicht nur Unternehmen, sondern auch Beschäftigte unter Druck setzen.
Nach den Preisniveauvergleichen von Eurostat gehört die Schweiz bei zahlreichen privaten Konsumausgaben zu den teuersten der erfassten europäischen Länder. [6]
Der hohe Schweizer Bruttolohn ist deshalb nicht mit einem entsprechend hohen frei verfügbaren Einkommen gleichzusetzen.
Wer die wirtschaftlichen Vorteile eines Hochlohnstandorts beurteilen will, muss Steuern, Sozialabgaben, Wohnkosten, Gesundheitsausgaben und die Kaufkraft der verbleibenden Einkommen mitberücksichtigen.
Das führt zu einer unangenehmen Frage:
Kann eine Volkswirtschaft dauerhaft auf hohe Wertschöpfung setzen, wenn nicht alle Branchen und Beschäftigten gleichermassen davon profitieren?
Ein Blick auf die Branchenlöhne zeigt, wie unterschiedlich das Hochlohnland Schweiz wirtschaftlich funktioniert.
Der starke Franken: Standortnachteil und Wettbewerbsvorteil zugleich
in weiterer Faktor macht die Schweizer Situation ungewöhnlich: die eigene Währung.
Wertet der Franken gegenüber anderen Währungen auf, werden Schweizer Produkte und Dienstleistungen aus Sicht ausländischer Kunden teurer, sofern die Unternehmen ihre Preise nicht anpassen.
Besonders für exportorientierte Unternehmen kann das eine erhebliche Herausforderung sein. Ein Auftrag wird möglicherweise in Euro oder Dollar bezahlt, während ein grosser Teil der Kosten in Schweizer Franken anfällt.
Ein starker Franken hat allerdings auch eine andere Seite.
Importierte Rohstoffe, Maschinen, Vorprodukte und Energie können günstiger werden. International tätige Unternehmen können bestimmte Tätigkeiten oder Teile ihrer Wertschöpfungskette im Ausland ansiedeln und gleichzeitig Forschung, Entwicklung oder besonders anspruchsvolle Produktionsschritte in der Schweiz halten.
Wie stark ein Unternehmen vom Wechselkurs betroffen ist, hängt deshalb wesentlich von seiner konkreten Kosten-, Produktions- und Absatzstruktur ab.
Hinzu kommt ein langfristiger Anpassungsdruck.
Unternehmen, die dauerhaft mit einer starken Währung konfrontiert sind, haben einen Anreiz, ihre Produktivität zu erhöhen, Prozesse zu automatisieren und sich auf Leistungen zu konzentrieren, die auf internationalen Märkten nicht allein über den Preis verkauft werden.
Das kann Innovation fördern. Es bedeutet allerdings auch, dass weniger spezialisierte Betriebe, kleinere Exporteure und Unternehmen mit geringen Margen unter erheblichen Druck geraten können.
Der starke Franken ist also weder ausschliesslich ein Gütesiegel noch lediglich eine Belastung. Seine Wirkungen hängen davon ab, wie Unternehmen wirtschaften.
Der Preis des Erfolgs: Fachkräfte und Wohnraum
Selbst die produktivsten Unternehmen benötigen Menschen, die ihre Produkte entwickeln, herstellen und vermarkten.
Hier zeigt sich ein strukturelles Problem des Schweizer Wirtschaftsmodells.
Eine im April 2026 veröffentlichte Studie des KOF-Instituts der ETH Zürich im Auftrag des SECO untersuchte die Ursachen und Auswirkungen des Arbeitskräftemangels. Grundlage war unter anderem eine Unternehmensbefragung mit 1.624 Teilnehmenden.
Zwei Drittel der befragten Unternehmen berichteten von Schwierigkeiten, Personal zu rekrutieren oder zu halten. Etwa jede dritte Stelle wurde als schwer zu besetzen eingestuft. [7]
Dabei ist zwischen konjunkturellen Schwankungen und langfristigen strukturellen Problemen zu unterscheiden. Selbst wenn die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern zeitweise nachlässt, verändert sich die demografische Ausgangslage nicht entsprechend schnell.
Für eine spezialisierte Volkswirtschaft wird der Zugang zu qualifizierten Beschäftigten deshalb zu einem eigenständigen Standortfaktor.
Die Schweiz profitiert in diesem Zusammenhang auch von ihrer internationalen Attraktivität.
In einem KOF-Gespräch vom Mai 2026 erläutern die Arbeitsmarktökonomen Michael Siegenthaler und Andreas Beerli, dass die Personenfreizügigkeit insbesondere in wissensintensiven Bereichen wie Pharma, Medizintechnik und Technologie zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen habe. Sie verweisen dabei auf positive Produktivitäts- und Innovationseffekte sowie auf Forschungsergebnisse, die insgesamt nur geringe negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zeigen. [8]
Allerdings können mit der Zuwanderung zugleich zusätzliche Anforderungen an Wohnraum, Verkehr und Infrastruktur verbunden sein. Genau diese Spannung macht die wirtschaftliche Debatte so anspruchsvoll.
Der aktuelle OECD-Wirtschaftsbericht verweist unter anderem auf den angespannten Wohnungsmarkt und verbleibende Wettbewerbshürden als strukturelle Herausforderungen der Schweiz.[5]
Eine weitere OECD-Analyse von 2026 nennt zudem hohe Kinderbetreuungskosten als Hemmnis für eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen. [9]
Das betrifft auch die Unternehmen.
Wenn qualifizierte Beschäftigte zwar attraktive Gehälter erhalten, aber immer grössere Schwierigkeiten haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden oder Beruf und Familie zu vereinbaren, wird aus einem vermeintlich privaten Problem ein wirtschaftlicher Standortfaktor.
Wie lange funktioniert das Hochlohnmodell?
Die Schweiz zeigt, dass Unternehmen nicht zwangsläufig niedrige Löhne benötigen, um international wettbewerbsfähig zu sein. Sie zeigt aber auch, dass hohe Löhne nicht aus sich heraus Wohlstand schaffen.
In exportorientierten Industrien können Forschung, technische Spezialisierung, Automatisierung und ein internationaler Kundenkreis eine hohe Wertschöpfung ermöglichen. Im Finanz- und Dienstleistungssektor können spezialisierte Kompetenzen und internationale Geschäftsbeziehungen ähnliche Funktionen erfüllen.
Anders sieht die Situation dort aus, wo Dienstleistungen lokal erbracht werden, die Produktivität nur begrenzt gesteigert werden kann oder der Preisdruck besonders hoch ist.
„Ob eine Branche die hohen Lohnkosten tragen kann, hängt in erster Linie von ihrer Konkurrenzsituation und ihrer Preissetzungsmacht ab.“
Prof. Dr. Michael Siegenthaler — KOF ETH Zürich
Die langfristige Herausforderung besteht deshalb nicht ausschliesslich darin, das bestehende Niveau internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Sie besteht auch darin, Produktivitätsfortschritte in mehr Branchen zu ermöglichen, den Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften zu gewährleisten und zu verhindern, dass hohe Standortkosten einen wachsenden Teil der wirtschaftlichen Vorteile aufzehren. Genau diese Verbreiterung des Produktivitätswachstums fordert die OECD in ihrem Wirtschaftsbericht 2026. [5]
Der Schweizer Wohlstand ist insofern weniger das Ergebnis eines einfachen Hochlohnmodells als das Resultat eines anspruchsvollen Zusammenspiels von wirtschaftlicher Spezialisierung, Innovation, Institutionen und internationaler Arbeitsteilung.
Die Schweiz ist nicht erfolgreich, weil Arbeit teuer ist. Sie kann sich hohe Löhne leisten, wo ihre Unternehmen entsprechend hohe Wertschöpfung erzielen.
Ob das auch künftig gelingt, hängt nicht allein von den international erfolgreichen Vorzeigeunternehmen ab. Entscheidend wird sein, wie breit diese Wertschöpfung innerhalb der Schweizer Wirtschaft entstehen und wie weit ihre Vorteile die Gesellschaft erreichen.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dem Hochlohnland Schweiz: Hohe Löhne sind kein verlässliches Rezept für wirtschaftlichen Erfolg. Aber sie müssen ihm auch nicht im Weg stehen.
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Quellen und wissenschaftliche Publikationen
Die Quellen sind nach ihrem ersten Auftreten im Artikel nummeriert. Bei wiederholter Verwendung bleibt die jeweilige Nummer erhalten.
[1] Bundesamt für Statistik (BFS, 2025): Schweizerische Lohnstrukturerhebung 2024: Erste Ergebnisse – 2024 lag der Medianlohn bei 7024 Franken brutto. Medienmitteilung vom 25. November 2025. Originalpublikation als PDF.
[2] Mergele, Lukas; Kaiser, Boris; Wehrli, Damian; Schönleitner, Tino; Föllmi, Reto; Siegenthaler, Michael (2024): Die langfristige Entwicklung von Arbeit, Freizeit und Produktivität in der Schweiz. Grundlagen für die Wirtschaftspolitik, Nr. 45. Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Originalpublikation über die ETH Zürich.
[3] Bundesamt für Statistik (BFS, 2025): Forschung und Entwicklung in der Schweiz 2023. Medienmitteilung vom 26. Juni 2025. Originalpublikation als PDF.
[4] International Institute for Management Development (IMD, 2026): Strong institutions are economies’ greatest buffer against economic shocks – IMD World Competitiveness Ranking 2026. Juni 2026.Online: https://www.imd.org/news/strong-institutions-are-economies-greatest-buffer-against-economic-shocks-imd-world-competitiveness-ranking-finds/
[5] OECD (2026): OECD Economic Surveys: Switzerland 2026. OECD Publishing, Paris, 15. September 2026. Originalpublikation.
[6] Eurostat (2026): Preisniveauindizes. Eurostat-Datenbank, Datensatz tec00120, zuletzt aktualisiert am 9. Juli 2026. Originaldaten.
[7] Abberger, Klaus; Jacomet, Flurin; Marti, Nicolas; Prater, Miriam; Siegenthaler, Michael; Siegrist, Stefanie (2026): Arbeitskräftemangel in der Schweiz: Ursachen und Auswirkungen. Grundlagen für die Wirtschaftspolitik, Nr. 67. SECO, 22. April 2026. Originalpublikation im SECO-Publikationsverzeichnis, dort Nr. 67.
[8] KOF Institut, ETH Zürich (2026): The free movement of people was a driver of growth – but it had side effects. Gespräch mit Michael Siegenthaler und Andreas Beerli vom 13. Mai 2026. Originalbeitrag.
[9] OECD (2026): Switzerland: Foundations for Growth and Competitiveness 2026. OECD Publishing. Abschnitt „Female employment: Improve access to affordable childcare“. Originaldaten
Dossier-Hinweis
Das Geschäftsmodell Schweiz – Teil 3 von 5
SCHWEIZ.BIZ NEWS untersucht in fünf Beiträgen, wie das Schweizer Wohlstandsmodell entstanden ist, warum Unternehmen und Kapital den Standort wählen – und wo seine Grenzen liegen.
Bereits erschienen:
1/5 Machten Banken die Schweiz reich – oder machte die Industrie die Banken gross?
2/5 Flieht deutsches Kapital in die Schweiz?
Als Nächstes:
4/5 Erben statt erarbeiten?
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Redaktion:
Autor: PAS | SCHWEIZ.BIZ NEWS Redaktion
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